Hildegard von Bingen: Discredio – die Unterscheidungskraft das rechte Maß zu halten.

 In Hildegard von Bingen

Die Miniatur zeigt den Sündenfall.  Hildegard von Bingen: „Weil der Mensch in seinem Ungehorsam sich über die Liebe zu Gott hinwegsetzt, überschreiten auch die Elemente und die Gezeiten ihr Maß. Denn die Elemente der Welt sind im Menschen, und der Mensch wirkt mit ihnen. Mit schlechten Werken setzt er sich über die Gerechtigkeit hinweg und beschwert und verdunkelt Sonne und Mond“.

DISCRETIO

Hildegard schreibt zum ersten Schöpfungstag des Menschen über die Unterscheidungskraft – DISCRETIO, die Erkenntnis von Gut und Böse: denn Gott hat dem Menschen die Unterscheidungskraft von Gut und Böse nach seinem Gleichnis gegeben (LDO, 240). Mit dieser Erkenntnis soll der Mensch alle Geschöpfe unterscheiden und dadurch, dass er sie kennt, nach Gott Gewalt über sie haben.

Hildegard (LDO, 100) beschreibt die Gesundheit als ein Ausgleichen von Körperfunktionen und Seelenkräften. „Wenn aber die erwähnten Säfte weder übermäßig trocken, noch übermäßig feucht sind, sondern auf ausgeglichene und entsprechende Weise gemischt, sich im rechten Maß in den Gliedern des Menschen ausbreiten, dann bleibt dieser gesund und lebenskräftig in der Erkenntnis des Guten und Bösen“.

Wenn der Mensch weder verhärtete hartnäckige noch flüchtige leichtfertige Gedanken hat, sondern gute ehren- und sittenhafte Gedanken, dann bringen diese ihm eine gewisse sanfte Ruhe in Körper und Geiste. Der Mensch erhält dadurch die volle Unterstützung vieler Tugenden, wie sie von Hildegard in ihrem Buch der Lebensverdienste (LVM) beschrieben wurden.

„Wo nämlich Seele und Leib in rechter Übereinstimmung sind, erreichen sie in einer einzigen Freude auch die himmlischen Belohnungen (LDO, 102)“.

Hildegard spricht von gewissen Plagen, die sich wie ein Nebel auf die Erde senken und den Menschen und dem Vieh verherrende Seuchen bringen. Dadurch leiden viele Menschen an den verschiedensten Krankheiten, die bis zum Tode führen können. Diese Plagen erreichen die Menschen durch das gerechte Urteil Gottes, wenn sie diese besagten Plagen mit ihren Sünden herausfordern. Der Mensch besitzt eine Unterscheidungskraft für Gut und Böse, so dass für Handlungen ohne richtige Unterscheidung eine Strafe hervorgeht. Hildegard schildert diese als eine Strafe, die aus dem heiligen Werke Gottes hervorgeht.

„Sie gibt den Menschen, die in der Sünde keine Mäßigung kennen, eine unmäßige Zerknirschung ein und schwächt in ihnen, was am Leib ohne die rechte Unterscheidung – INDISCRETA – ist. Das, was zum Heil der Seele die Unterscheidungskraft – DISCRETIO – nicht hat, tötet sie ganz ab. Denn die DISCRETIO bringt alles, was sowohl für den Leib als auch für die Seele nützlich ist, in das richtige Verhältnis. Diesem Nebel jedoch tritt die wasserreiche Luftschicht entgegen, die diesen Nebel mäßigt, damit er die Geschöpfe nicht übermäßig schädigt (LDO, 104)“.

Zur Unterscheidungskraft unserer Seele hat Hildegard eine sehr deutliche Passage geschrieben, wo die Seele unseren Körper unterstützend zur Seite steht, damit er nicht ins Verderben stürzt. Die Seele erfreut sich guter Dinge, wenn sie zusammen mit dem Körper im gutem Einklang lebt.

„Die Seele unterstützt das Fleisch und das Fleisch die Seele, weil durch die Seele und das Fleisch jedes einzelne Werk vollendet wird. Daher lebt auch die Seele auf, wenn sie mit dem Fleisch gute und heilige Werke vollbringt. Aber das Fleisch leidet oft an Überdruss, wenn es mit der Seele wirkt; deshalb kommt dann die Seele dem Fleisch entgegen und erlaubt ihm, sich an etwas zu erfreuen, wie eine Mutter ihr weinendes Kind zum Lachen bringt. Und so wirkt das Fleisch mit der Seele zusammen manche gute, aber dennoch mit Sünden vermischte Werke. Das duldet die Seele, damit das Fleisch nicht überlastet wird. Denn wie das Fleisch durch die Seele lebt, so lebt auch die Seele wieder auf, wenn sie mit dem Fleisch das Gute wirkt, denn sie hat ihren Platz im Werk der Hände Gottes (LDO, 118)“.

Jedoch mäßigt auch die Seele den Körper (Leib), damit er nicht maßlos seine Grenzen überschreitet. Denn: „Die Seele liebt deshalb in allem die Unterscheidungskraft. Deshalb werden, sooft der Leib des Menschen ohne das rechte Maß isst oder trinkt oder etwas ohne die richtige Unterscheidung tut, die Kräfte der Seele gespalten; denn alles muss mit der richtigen Unterscheidung getan werden, da der Mensch nicht ständig mit Sehnsucht im himmlischen Bereich sein kann“.

Diese Unterscheidungskraft haben die, mit denen der Himmel erleuchtet ist, geliebt, und sie lieben sie immer noch. Der Teufel wollte sie aber nicht, noch will er sie haben, weil er entweder in extreme Höhe oder extreme Tiefe strebt, aus der er stürzt und sich nicht wieder erheben wird (LDO, 123)“.

Völlerei und Überheblichkeit – Die Bedeutung des Maßhaltens:

Um die Ernährungslehre von Hildegard von Bingen zu verstehen, müssen wir uns die Bedeutung des Discretio oder Maßhaltens für die leibliche Gesundheit vor Augen halten. Übermäßige Völlerei im Essverhalten führt zu unterschiedlichsten Erkrankungen unserer Seele und des Körpers. So sollten wir uns mit einem Essverhalten im rechten Maß üben, um unser Wohlbefinden zu Erhalten.

„Wenn Speisen im Überfluss aufgenommen werden, wird das Fleisch des Menschen durch schädliche Flecken (livor) krank (LDO, 162)“.

Umgekehrt ist der Fall, wenn der Mensch durch übermäßiges Fasten und damit verbundenen übermäßigen Nahrungsentzug gegenüber anderen in Überheblichkeit prallt. Ich habe so und so lange streng gefastet, und du hast es nicht geschafft. Eine Prallerei mit Eigenlob und Verachtung des anderen.

„Daher soll der Mensch, der nicht mit Fleisch und Blut, sondern mit den Kräften der Seele, durch die er Gott kennt und spürt, das Gute tut, sich sehr achtsam vor Überheblichkeit bei guten Werken hüten, damit er nicht durch sie den Lohn der ewigen Seligkeit verliert (LDO, 163)“.

Weiterhin beschreibt Hildegard, das Wesen der Unterscheidungskraft als eine Stütze der anderen Tugenden. Die Discretio soll den anderen Tugenden dienen. Die Bedürfnisse des Körpers sollen der Discretio unterliegen.

„Der Mensch soll weder durch schlemmen noch durch Trinken oder durch verführerischen Schmuck seiner Kleidung oder durch eine verworene Besinnung übermäßig sein, indem er in all diesen Bereichen Ruhm für sich selbst sucht; vielmehr soll sich in alledem das Bedürfnis des Leibes zeigen. Der Leib soll so maßvoll ernährt werden, dass die Seele sich freuen kann, wenn er richtig gestärkt ist. Sie soll richtige Wege mit ihm gehen, sodass er nicht aus übermäßiger Enthaltsamkeit tief hinabstürzt und auch nicht vom Überfluss der genannten Maßlosigkeit erdrückt wird (LDO, 254)“.

Viele heutige Erkrankungen haben ihren Ursprung in den Überfluss unserer Nahrungsmittel und in dem viel zu großen Angebot. Schaut man sich in den riesigen Supermärkten um, wird man schnell feststellen, dass dies nicht notwendig ist. Das große Angebot verführt zum maßlosen Konsum. Die Mahlzeiten werden immer übiger und vielseitiger. Die Lebensmittel kommen aus allen Teilen der Welt. Ungesunde und im Labor hergestellte Lebensmittel sind in der Mehrzahl. Nahrung ist mit Giften und sehr hohen Mengen an künstlichen Hormonen belastet. Viele Menschen sind in unserer Gesellschaft stark übergewichtig. Zivilisationskrankheiten nehmen durch diese Maßlosigkeit enorm zu.

Zu diesem Thema hat mein lieber Ehemann schon vor einiger Zeit ein wunderbares Gedicht geschrieben. Dieses wunderbare Gedicht fasst genau alles zusammen worüber Hildegard schrieb, und es ist ganz einfach zu verstehen.

Zwei Gottes Geschenke

Gott hat Dir zwei große Geschenke gemacht.

Einen gesunden Körper

und eine reine Seele.

Du sollst auf beide Geschenke gut aufpassen,

weil Gott

die Menschen,

die zuverlässig sind,

sehr lieb hat.

Gesunde Ernährung und Maßhalten

„Wenn der Mensch Fleisch und andere Speisen mit übermäßig Fett oder anderes Essen, das übermäßig bluthaltig ist, verzehrt, wird er davon eher krank als gesund, weil diese übermäßig fettigen Speisen wegen der zu großen und schlüpfigen Feuchtigkeit, die in ihnen ist, nicht bis zur richtigen und gesunden Verdauung im Magen des Menschen bleiben können. Deshalb soll der Mensch Speisen essen, die in ihrem Gehalt an Fett und Blut gemäßigt sind, damit er sie bis zur guten und richtigen Verdauung zurückhalten kann (CC, 165)“.

Literatur:

Das Buch vom Wirken Gottes, Beuroner Kunstverlag, 2012 (LDO)

Das Buch der Lebensverdienste, Otto Müller Verlag, 1972 (LVM)

Ursprung und Behandlung der Krankheiten, Beuroner Kunstverlag, 2011 (CC)

Physica, Christiana Verlag, 2009

Physica, Beuroner Kunstverlag, 2012

 

Autorin: Diplom Biologin Lydia Keller, Konstanz, 2015

Foto: Der Sündenfall aus der Hildegard Ausstellung im Museum am Strom in Bingen, 2014

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